Sackler-Familie: Die Milliarden-Dynastie hinter der Opioid-Krise
Ihr Name stand jahrzehntelang in Gold über den Eingängen der bedeutendsten Museen der Welt – vom Metropolitan Museum in New York bis zum Louvre in Paris. Gleichzeitig baute die Sackler-Familie mit einem einzigen Medikament eines der profitabelsten und zugleich zerstörerischsten Pharma-Geschäfte der amerikanischen Geschichte auf. OxyContin machte die Familie zu Milliardären – und wird von Behörden und Gerichten mit hunderttausenden Drogentoten in Verbindung gebracht. Wie eine Familie zwischen Kunstförderung und einer der tödlichsten Gesundheitskrisen der USA stand, erfährst du hier.
Vom Familienunternehmen zum Pharma-Riesen
Die Brüder Arthur, Mortimer und Raymond Sackler übernehmen 1952 das kleine Pharmaunternehmen Purdue Frederick, aus dem später Purdue Pharma wird. Besonders Arthur Sackler gilt als Pionier moderner Pharma-Werbung – er revolutioniert, wie Medikamente in Fachzeitschriften und gegenüber Ärzten vermarktet werden, und legt damit den Grundstein für Marketingmethoden, die die gesamte Branche bis heute prägen.
Schon gewusst? Mit den Gewinnen aus dem Pharmageschäft finanzierte die Familie über Jahrzehnte großzügig Museumsflügel und Ausstellungen weltweit – darunter den berühmten „Sackler Wing“ im Metropolitan Museum of Art in New York, in dem unter anderem der ägyptische Dendur-Tempel ausgestellt ist.
Ein Name als Gütezeichen
Über Jahrzehnte gilt der Name Sackler in der internationalen Kunstwelt als Synonym für großzügige, kultivierte Philanthropie – ein Ruf, der lange jede kritische Nachfrage zur eigentlichen Herkunft des Vermögens überstrahlt.
- 1952: Übernahme von Purdue Frederick durch die Brüder Sackler
- Arthur Sackler als Pionier moderner Pharma-Marketingmethoden
- Jahrzehntelange, international sichtbare Museumsförderung als Familienimage
OxyContin und ein folgenschweres Versprechen
1996 bringt Purdue Pharma OxyContin auf den Markt, ein retardiertes Schmerzmittel auf Opioid-Basis. Das Unternehmen bewirbt es aggressiv gegenüber Ärzten als vergleichsweise suchtarm – eine Einschätzung, die sich später als grob irreführend herausstellt und auf unzureichend abgesicherten Daten beruht. Verkaufsvertreter erhalten hohe Boni für gezielt gesteigerte Verschreibungszahlen bei besonders verschreibungsfreudigen Ärzten.
Eine Epidemie nimmt ihren Lauf
Die aggressive Vermarktung trägt maßgeblich zu einer massiven Zunahme von Opioid-Verschreibungen in den USA bei. In der Folge steigen Abhängigkeit, Missbrauch und Überdosis-Todesfälle in bislang ungekanntem Ausmaß – ein Verlauf, der später oft als direkter Auslöser der US-Opioid-Krise beschrieben wird, die sich in den folgenden Jahren zusätzlich durch illegales Fentanyl weiter verschärft.
- 1996: Markteinführung von OxyContin durch Purdue Pharma
- Irreführende Vermarktung als angeblich suchtarmes Schmerzmittel
- Massiver Anstieg von Opioid-Verschreibungen, Abhängigkeit und Überdosis-Toten
Erste juristische Konsequenzen
2007 bekennen sich Purdue Pharma und drei leitende Angestellte in einem Bundesverfahren schuldig, das Medikament irreführend vermarktet zu haben, und zahlen eine Strafe von über 600 Millionen US-Dollar – zu diesem Zeitpunkt eine der höchsten Pharma-Strafen der US-Geschichte. Mitglieder der Sackler-Familie selbst werden dabei jedoch nicht persönlich strafrechtlich belangt.
Millionenentnahmen trotz wachsender Krise
Spätere gerichtliche Untersuchungen zeigen, dass die Sackler-Familie in den Jahren wachsender öffentlicher Kritik und zunehmender Klagen weiterhin Milliardenbeträge aus dem Unternehmen an sich selbst ausschüttete – Gelder, die damit weitgehend außerhalb der Reichweite künftiger Entschädigungsforderungen von Opioid-Opfern lagen, bevor Purdue Pharma 2019 schließlich Insolvenz anmeldet.
Schon gewusst? Die Fotografin Nan Goldin, selbst Überlebende einer OxyContin-Abhängigkeit, gründete die Aktivistengruppe P.A.I.N. und initiierte ab 2018 gezielte Protestaktionen in Museen mit Sackler-Finanzierung – mit dem Ziel, den Familiennamen aus öffentlichen Institutionen entfernen zu lassen.
Der Name verschwindet aus den Museen
Als direkte Folge dieser Kampagnen entfernen ab 2019 mehrere der bedeutendsten Museen der Welt – darunter das Metropolitan Museum, der Louvre, die Tate Modern und das Guggenheim – den Namen Sackler von ihren Gebäudeteilen und Ausstellungsräumen. Ein Name, der jahrzehntelang für Kunstförderung stand, wird binnen wenigen Jahren untrennbar mit der Opioid-Krise verknüpft.
Ein bis heute ungelöster Rechtsstreit
Im Rahmen der Purdue-Insolvenz verhandeln Bundesstaaten, Opfer und die Sackler-Familie über Jahre einen Vergleich, der der Familie im Gegenzug für Zahlungen von mehreren Milliarden Dollar dauerhafte Immunität vor weiteren zivilrechtlichen Klagen zusichern sollte. 2024 kippt der Oberste Gerichtshof der USA diesen Vergleich in einem aufsehenerregenden Urteil, da eine solche Immunität für Familienmitglieder, die selbst nicht insolvent sind, nach geltendem Recht unzulässig sei – die endgültige rechtliche und finanzielle Aufarbeitung der Opioid-Krise bleibt damit bis heute ungeklärt.
























